Gastbeitrag: Was Unternehmen über Wikipedia wissen sollten

10. September 2014
gschtochabock

Was ist Ihnen die Wikipedia wert? Wie viel wären Sie persönlich bereit für den freien, unlimitierten
und jederzeitigen Zugriff auf nahezu jede Information des Allgemeinwissens in aktuellster Form zu
bezahlen? Eine schwierige Frage, der wir uns glücklicherweise in der Realität momentan nicht
stellen müssen, weil die Wikipedia, ein im Jahr 2001 gegründetes Internet-Projekt zum Aufbau
einer freien Enzyklopädie, nach wie vor jedem Menschen mit Internetzugang kostenlos zur
Verfügung steht. Dennoch ist es eine interessante Frage, wie der Wert der Wikipedia, die immerhin
zu den 10 meist aufgerufenen Webseiten der Welt gehört, bemessen werden kann. Mehrere
Wissenschaftler haben sich seriös mit dieser Frage beschäftigt und kamen zu unterschiedlichen
Ergebnissen variierend zwischen 3,6 und 80 Milliarden Dollar (1).

Die dunklen Seiten

Die Wikipedia hat also zweifellos einen großen Wert für ihre Benutzer. Doch nicht nur für die
Leserinnen und Leser der Wikipedia-Artikel, zu denen nahezu jede Person mit Internetzugang in
heutiger Zeit zählt, sondern auch für jene Personen und Organisationen, die Gegenstand der mehr
als 30 Millionen Artikel in über 280 Sprachen sind, hat die Online-Enzyklopädie einen Wert. Dieser
Wert besteht insbesondere darin, dass der Wikipedia ein hohes Maß an Vertrauen entgegen
gebracht wird. Informationen über Politiker, Persönlichkeiten der Unterhaltungsbranche,
Organisationen und Unternehmen werden wie selbstverständlich nicht mehr primär auf den
jeweiligen Webseiten gesucht, sondern mit zunehmendem Maße in der als objektiv und neutral
geltenden Wikipedia. Hier haben in den entsprechenden Artikeln auch die dunklen Seiten, die
Skandale und Gerichtsverfahren, die auf privaten oder unternehmerischen Webseiten lieber
verschwiegen werden, ihren Platz. Gerade deshalb kommt den Inhalten der Wikipedia von
Personen und Organisationen, die Gegenstand der Artikel sind, besonderes Interesse und
Vertrauenswürdigkeit zu. Und wer glaubt, die Entwicklung dieser Inhalte einfach steuern oder gar
unterbinden zu können, hat das System Wikipedia noch längst nicht durchschaut.

Ein Beispiel aus Vorarlberg zeigt, dass unangenehme Inhalte in Unternehmensartikeln mitunter
recht schnell das Gesamtbild eines Unternehmens im jeweiligen Wikipedia-Artikel beschädigen
können. Der Fruchtsafthersteller Pfanner (2) zog im Jahr 2010 durch die Zusammensetzung eines
Getränks den Unmut der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch auf sich. Der entsprechende
„Kritik“-Abschnitt im Wikipedia-Artikel nimmt mittlerweile etwa ein Viertel der Textfläche ein.
Ganz ähnlich ergeht es dem österreichischen Glücksspielkonzern Novomatic (3), in dessen Artikel der
Abschnitt „Öffentlichkeitswirksame Kontroversen“ mehr als die Hälfte des Artikeltexts einnimmt.
So abschreckend im Hinblick auf eine Mitarbeit in der Wikipedia diese Beispiele auch sein mögen,
zeigen Sie in erster Linie jedoch eines auf: Vielmehr noch als herkömmliche Medien ist die
Wikipedia der Abbildung der Realität verpflichtet. Steht ein Unternehmen – aus welchem Grund
auch immer – im Zentrum negativer medialer Berichterstattung, so wird sich diese auch im
entsprechenden Wikipedia-Artikel niederschlagen. Umgekehrt sollen Wikipedia-Artikel aber
niemals zu negativer Berichterstattung führen, sondern immer nur über solche berichten. Der
größte Fehler wäre es, Wikipedia als ein herkömmliches Social-Media-Instrument anzusehen. Im
Gegensatz zu Social-Media-Kanälen werden in der Online-Enzyklopädie keine persönlichen
Selbstdarstellungen und keine Meinungen ausgetauscht, sondern Fakten gesammelt und
aufbereitet.

Was kann nun konkret bei unangenehmen Inhalten auf Wikipedia getan werden?

Eines der vier unabänderlichen Grundprinzipien der Wikipedia ist die Einnahme des Neutralen
Standpunkts in jedem Artikel. Daher lautet die oberste und erste Prämisse für Personen und
Organisationen, die auf die Artikel in der Wikipedia Einfluss nehmen wollen: Lassen Sie die Finger
von der eigenmächtigen Bearbeitung! Ihre Ansicht wäre höchstwahrscheinlich nicht neutral,
sondern von eigenen Interessen getrieben und damit nicht kompatibel mit den Richtlinien der
Wikipedia. Genauso wie Sie nicht eigenhändig kritische Zeitungsartikel redigieren können, sollten
Sie sich davor hüten, dies – trotz der technischen Möglichkeit dazu – bei Wikipedia-Artikeln zu
versuchen. Positive Einflussnahme von Außerhalb ist nur indirekt möglich. Wie bereits geschildert
bildet die Wikipedia ihrem Anspruch nach die Realität ab, weshalb Personen und Organisationen,
die mit ihrem momentanen Wikipedia-Artikel nicht zufrieden sind, in erster Linie bedenken sollten,
dass dies möglicherweise mit einer negativen Außenwahrnehmung zusammenhängt. Daher sollte
dieser Außenwahrnehmung entgegengesteuert werden – etwa durch Presseaussendungen,
Interviews oder indem entsprechende Studien in Auftrag gegeben werden. Nur was
realistischerweise von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, wird auch Einzug in die Wikipedia
erfinden. Die Betonung liegt daher auf der bereits genannten Prämisse: Wikipedia entwirft im
Idealfall keine eigene Ansicht zu einem Thema, sondern bildet die Realität ab. Es muss daher nach
einer Möglichkeit gesucht werden, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu ändern, nicht die
Wikipedia.

Sollten sich aber tatsächlich falsche Informationen in einem Artikel befinden, so kann natürlich
auch direkt darauf hingewiesen werden. Am Besten geht das über die Diskussionsseite, die jedem
Artikel beigegeben ist. Oberhalb des Artikeltexts befindet sich auf jeder Seite der Wikipedia neben
dem Reiter „Artikel“ jener zur „Diskussion“. Auf diesen Diskussionsseiten findet der
Meinungsaustausch zwischen den Autoren des Artikels zur Entstehung und Entwicklung desselben
statt. Auf Fehlinformationen sollte daher bestenfalls mit entsprechenden Quellen, die dies belegen
dort hingewiesen werden. Kleinere Fehler, wie etwa nicht mehr aktuelle Bilanzzahlen bei
Unternehmen oder die kürzlich geschlossene Ehe bei Personen können aber unter Angabe von
Quellen auch selbst direkt im Artikel ausgebessert werden. Und wer weiß – vielleicht packt Sie ja
nach der ersten Bearbeitung das selbe Wikipedia-Fieber wie mich vor mittlerweile 9 Jahren?

(1) Leonhard Dobusch: Wert der Wikipedia: Zwischen 3,6 und 80 Milliarden Dollar? Veröffentlicht auf
Netzpolitik.org (https://netzpolitik.org/2013/wert-der-wikipedia-zwischen-36-und-80-milliardendollar/).
(2) Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Pfanner_Getr%C3%A4nke
(3) Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Novomatic
planinger_blogThomas Planinger (23) schreibt seit neun Jahren als Autor für Wikipedia. Der Dornbirner investiert täglich bis zu drei Stunden Zeit in die gemeinnützige Sache – unentgeltlich. 287 erstellte Artikel auf Wikipedia stehen aktuell zu Buche. Der Jus-Student ist Mitarbeiter der Wikimedia Österreich und Mitglied des Schiedsgerichts der deutschsprachigen Wikipedia – einer Art Schlichtungsstelle bei Streitfällen unter den Autoren der freien Enzyklopädie.

Thomas Planinger auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Plani

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